Ich mach was mit Schreiben

“Ha! Das kenn’ ich!”, dachte ich, als Wibke Ladwig in Ihrem Blog davon erzählte, wie sie dem Kioskbesitzer von nebenan zu erklären versuchte, was sie so beruflich macht. Deshalb beteilige ich mich natürlich supergern bei ihrer Blogparade über neue Berufsbilder:

Zum Scheitern verurteilt?

Als studierte Geisteswissenschaftlern (Romanistik mit Schwerpunkt Sprachwissenschaft und Soziologie) durfte ich mich früh darauf einstellen, dass da mal später nicht einfach so ein Beruf draus werden konnte. Auch die Initiative “Magister in den Beruf” förderte bei mir nur zutage, was ich eh schon wusste: ich mach gern was mit Büchern. :-) Also lernte ich in den Zusatzstunden zu lektorieren. Aber auch als Lektor einen Job zu kriegen, war damals schon ziemlich utopisch.

Zeigen, Erklären und Bewerten

Während meines Studiums jobbte ich als Stadtführerin und als freie Journalistin (Bereich Stadt und Kultur) beim Lokalblatt. Meine ersten Artikel waren Buchrezensionen. Mal einen Roman zu schreiben war (und ist immer noch) ein Traum von mir. Aber bekanntlicherweise kommt ja alles anders als man denkt…

Noch bevor ich mir zum Ende meines Studiums hätte Sorgen machen können, was denn nun beruflich aus mir werden sollte (zur Not hätte man ja noch promovieren können), fragte mich der stellvertretende Chefredakteur der Lokalzeitung, für die ich als “Freie” jobbte, ob ich nicht ein Volontariat machen wolle. Da mir das Schreiben schon damals Spaß gemacht hat, sagte ich ja – und wurde prompt genommen. Es folgte eine sehr interessante, aber leider auch körperlich extrem erschöpfende und menschlich enttäuschende Zeit, in der ich viel gelernt habe.

Überqualifiziert?

Um den Kopf wieder frei zu kriegen und etwas zu intensivieren, was ich ohnehin schon ehrenamtlich für einen Kulturveranstalter und Künstler machte, schloss ich ein Aufbaustudium zur Beraterin für Public Relations an. Danach versuchte ich ganz blauäugig via Arbeitsamt und Zeitarbeitsfirma eine Stelle zu finden. Fazit: der Computer wusste nicht, was ein Volontär war, noch konnte man etwas mit meinen Qualifikationen anfangen. Es wurde mir geraten, Steno zu lernen und unbedingt in meinen Bewerbungen den Großteil meiner Qualifikationen zu unterschlagen, denn ich sei ja “völlig überqualifiziert”.

Also versuchte ich weiter mit mehreren Jobs gleichzeitig mein Glück: erste Gehversuche mit bezahlter PR-Arbeit, gleichzeitig freier Journalismus und Stadtführungen. Die Mischung war sehr interessant, aber zum Leben genug zu verdienen, war nicht möglich. Noch bevor ich entscheiden konnte, ob ich wieder in meinen Ursprungsjob als Zeitungsredakteur einsteigen sollte, verlagerte sich mein Lebensmittelpunkt nach Bonn, wo ich zunächst mal damit beschäftigt war, die gemeinsame Wohnung einzurichten, die Hochzeit zu organisieren und all sowas…

Ich jobbte weiter als freie Journalistin für diverse Zeitschriften und anfangs auch noch für die heimatliche Zeitung und bekam erste Aufträge als Beraterin für Öffentlichkeitsarbeit. Doch bevor ich das intensivieren konnte, machten mir gravierende gesundheitliche Probleme einen Strich durch die Rechnung. Es dauerte einige Zeit, mich davon soweit zu erholen, dass wieder an Arbeit zu denken war.

Experimentieren und wieder Schreiben

Währenddessen entdeckte ich das Social Web für mich. Zuerst (das alte) Myspace, dann nach und nach Twitter, Blogs, FlickR, Delicious und dann dieses Facebook… Meine Erkundungen dokumentierte ich zunächst in einem englischsprachigen Blog. (Die meisten meiner Kontakte waren zu der Zeit international, die hätten ein Blog auf Deutsch gar nicht lesen können.) Doch dann kamen immer mehr deutschsprachige Kontakte dazu. Also versuchte ich eine Zeit lang, zwei Blogs zu führen: eins auf Englisch, eins auf Deutsch. Aber das war zuviel. Schweren Herzens gab ich das Englischsprachige auf und startete in meinem deutschen Blog eine (wie ich dachte) kleine Serie über Facebook…

Der Rest ist Geschichte. Ein zehntausende Mal heruntergeladenes eBook und die unglaubliche Resonanz auf meine Blogposts bescherten mir einen Buchvertrag mit dem O’Reilly Verlag. Das Ergebnis wurde ein Seite über mein Facebook-Buch bei O’Reilly, ein weiteres Buch über Google+ folgte. Das Bloggen geht derweil weiter und v.a. die Gespräche via Facebook, Twitter, Google+ und hier in den Kommentaren. Ich halte Vorträge und schreibe auch für andere Medien, das Beraten habe ich auf ausgewählte Fälle reduziert.

Mein Beruf

Wie ich das jetzt nennen soll? “Beraterin für Kommunikation” setzt den Akzent zu sehr auf Beratung – die ich ja mittlerweile eingeschränkt habe. “Buchautorin” schließt meine Aktivitäten in Blog und Social Media nicht ein. “Social-Media-Berater” ist mir zu eng. “Bloggerin” allein trifft es auch nicht. Und was meine Ausbildung angeht, müsste ich ja eher sagen “Zeitungsredakteurin und Beraterin für Public Relations”, was ich aber beides nicht mehr in dem Sinne praktiziere. Oh und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit “Social-Media-Expertin”! *schauder*

Momentan steht in meinen Profilen “Bloggerin und Buchautorin” zu lesen. “Ich mach was mit Schreiben” trifft es vermutlich am besten.

Und wie man das werden kann? Naja, siehe oben… ;-)

 

 

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Annette Schwindt

Bloggerin, Autorin und Beraterin bei schwindt-pr
Ich helfe anderen, ihre digitale Komunikation richtig aufzubauen oder zu optimieren. Mein Motto lautet "Einfach Kommunizieren", mich also möglichst verständlich auszudrücken und echte Gespräche von Mensch zu Mensch zu führen! Denn das geht auch online! :-) Meine Artikel und sonstigen Veröffentlichungen entstehen aus dem täglichen Dialog mit meinen Lesern. >>> Lesen Sie mehr über mein Beratungsangebot

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14 Antworten

  1. Hallo Annette,

    ich lese gerne den Lebensweg anderer “Schreiberlinge” und so bin ich auch auf deinen Artikel gestolpert. Ich finde es interessant zu sehen, wie sich das alles bei Dir entwickelt hat. Auch ich habe als Schülerin in einer Lokalredaktion angefangen und meine ersten Artikel über Schützenfeste und Bürgermeisterwahlen geschrieben… Beruflich habe ich dann doch eher den Weg ins Marketing eingeschlagen, habe aber das Schreiben nie so richtig aufgegeben. Ich probiere mich gerade im Social Web aus und habe gerade erst meinen eigenen Blog erstellt. Dein Artikel macht Mut, trotz aller Schwierigkeiten “Irgendwas mit Schreiben” nicht aufzugeben, sondern den Schritt zu wagen ;-)
    Viele Grüße,
    Caroline

  2. Ja, an die (p-a-u-s-e) kann ich mich noch erinnern. (http://www.schwindt-pr.com/2010/08/30/p-a-u-s-e/) Das war dann bestimmt die Zeit mit gesundheitlichen Problemen, oder?
    …was mir sehr gut gefällt: “Fazit: der Computer wusste nicht, was ein Volontär war” Na dann hat sich ja diesbezüglich bis heute nicht viel verändert, heute müßte der Computer wissen, was ein “Blogger” ist, da gibt es bestimmt ebenfalls Probleme. :-)

  3. Das ist so schön zu lesen. Das Leben passiert und präsentiert einige Jobs, es ist nicht alles planbar – doch im Nachhinein ergibt alles einen Sinn.
    Und die Initiative “Magister in den Beruf” klingt mir noch im Ohr – gabs bei mir damals an der Uni Mannheim auch.

  4. Hallo,
    ich verfolge deinen Blog schon eine Weile – und fand diesen Bericht sehr interessant. Erstens, weil ich gerne lese und höre, was andere so machen aus ihrem Leben
    Und zweitens, weil ich gerade selber dabei bin, mein Jobleben neu zu sortieren, und mich im Bereich Social Media weiterzubilden, und auch selber nebenbei schreibe – zurzeit hauptsächlich für Blogs. Gerade das Thema Arbeitsamt und “überqualifiziert” kenne ich auch – andererseits kriegt man auch (deswegen?) oft keine Resonanz. Na, ich werde meine Lücke auch noch finden! ;-)
    Jedenfalls auf diesem Wege mal großes Kompliment für das Blog, ich schaue immer wieder gerne vorbei und finde die Mischung sehr klasse!
    Herzliche Grüße,
    Inga

  5. Liebe Annette,

    ich wusste bislang nicht, dass Du auch gelernte Geisteswissenschaftlerin bist. Ich selbst habe lange Zeit als Kunsthistorikerin an der Uni gearbeitet, den Weg inzwischen aber verlassen, mein eigenes Unternehmen gegründet etc. Und es passt ganz wunderbar so, wie es ist!

    In meinem Umfeld sehe ich allerhand GeisteswissenschaftlerInnen, die mit sich hadern, nicht wissen, wohin und doch ziemlich frustriert sind.

    Dein Artikel zeigt sehr gut, dass man mit Neugier und Begeisterungsfähigkeit durchaus seinen Weg finden kann. Und dass man als Geisteswissenschaftlerin auch in anderen Bereichen landen kann, die dann aber eben auch Spaß machen können!

    Nur weiter so! Und danke für die vielen spannenden Blog-Artikel.

    Herzlichen Gruß
    Huberta

  6. Liebe Annette,
    wir habe ja sehr viel mehr gemeinsam, als ich dachte! Wusstest du, dass ich einige Jahre eine Stadtführungsagentur hatte? Und sehr herrlich dein Spruch: Zur Not hätte man auch promovieren können :-) gut, dass man es nicht getan hat, bei der Abwertung dieses Titels in letzter Zeit!
    Hach, ist doch schön, was sich da alles so auftut in den neuen Berufsfeldern. Und immer wieder außerordentlich nette Menschen!!!